„Wir sind Familienunternehmen, wir übernehmen unsere Azubis“

Münchner Merkur

  • 02.07.14
  • München
Neues auf den Weg bringen Robert Waloßek (l.) von Bettenrid und Caspar-Friedrich Brauckmann von Kustermann.

Drei Münchner Traditionshäuser starten ein Projekt zur Förderung von Lehrlingen – und positionieren sich so als attraktive Arbeitgeber

Vom Schüler zum Azubi – ein Sprung ins kalte Wasser. Die Münchner Unternehmen Bettenrid, Kustermann und Kaut-Bullinger wollen angehenden Kaufleuten im Einzelhandel den Start erleichtern.
Dafür haben sie das „Azubi College“ ins Leben gerufen. In dessen Rahmen begleiten Business-Trainer vom renommierten Institut „Topconcept“ die Lehrlinge im Berufsalltag. Zudem besuchen die Azubis Seminare. Über das Projekt sprachen wir mit Bettenrid-Geschäftsführer Robert Waloßek und Kustermann-Geschäftsführer Caspar-Friedrich Brauckmann. 

Was lernen die Azubis auf dem College?
Waloßek: Das College beginnt mit unternehmensübergreifenden Einführungstagen. Hier lernen sie, was es bedeutet, den Schritt vom Schüler zum Azubi zu machen. Das ist ja schon eine Veränderung. Sie lernen: Wie geht man miteinander um? Wie kleidet man sich? Wie funktioniert Teamarbeit? Und wie hat man Spaß an der Arbeit?

Klingt, als hätten Schüler da große Defizite...
Brauckmann: Es ist nach unserer Erfahrung schon so, dass Schüler, die bei uns Azubis werden wollen, heute mit anderen Voraussetzungen in die Ausbildung gehen als vor zehn oder 15 Jahren. Sie sind zum ersten Mal in einem Unternehmen und finden sich noch nicht so leicht zurecht. Wir wollen sie vorbereiten auf das, was auf sie zukommt. Wir begleiten die Azubis ein Jahr lang. Danach können sie sagen: ich hatte einen tollen Start und bekomme ein Zertifikat. Ich weiß, was Einzelhandel bedeutet.

An der Berufsschule lernen sie das nicht?
Brauckmann: An der Berufsschule lernen sie die notwendigsten Dinge. Aber sie lernen nicht, wie man richtig verkauft. Man kann das nur in den Häusern selbst lehren. Auf der Verkaufsfläche. Wir haben dafür Coaches, die die Azubis begleiten und ihnen direkt Feedback geben. Das ist Training auf dem Spielfeld. Die duale Ausbildung ist ohne Zweifel sehr gut. Aber uns geht es um mehr: Wir sind Familienunternehmen. Der Begriff kommt von Familie. Wir wollen mit dieser Maßnahme auch zeigen, wo wir uns von Konzernen unterscheiden.

 

 

Ist es für Kaufleute besonders wichtig, zu wissen: Wie wirkt man auf Kunden? Wie begeistert man sie für die Ware?
Brauckmann: Selbstverständlich! Genau das macht den Beruf doch aus. Wer gern mit Menschen arbeitet, gern kommuniziert und lieber auf der Fläche unterwegs ist als im Büro zu sitzen, der ist bei uns genau richtig. Man kann gar nicht deutlich genug sagen, was für ein schöner Beruf der Einzelhandelskaufmann ist. Auf den ersten Blick sind andere Berufe vielleicht sexier oder moderner. Aber gerade im Bereich der Kommunikation hat der Einzelhändler eine wunderschöne Aufgabe.
Waloßek: Hinzu kommt, dass wir Traditionshäuser dem Kunden gerecht werden wollen. Das Kaufverhalten ändert sich gerade extrem. Der Kunde legt mehr Wert auf den Erlebniskauf. Auf die Gespräche mit dem Mitarbeiter. Da muss man auf Augenhöhe arbeiten können. Deshalb fördern wir unseren Nachwuchs in dieser Hinsicht und investieren Geld in das Training.

Ziehen Sie den Azubis die Kosten für das Training vom Lohn ab?
Waloßek: Um Gottes Willen, nein! Wir bekommen große Unterstützung von der Rid-Stiftung. Den Rest tragen die einzelnen Häuser.

Wie zeitintensiv ist das College?
Brauckmann: Angedacht ist eine einwöchige Einführungsphase zu Beginn der
Ausbildung. Während des ersten Ausbildungsjahres finden ein bis zwei Mal im Monat Zusammentreffen der Azubis statt. Am Ende stehen eine Prüfung und die feierliche Überreichung des Zertifikats auf Schloss Seefeld. Das alles erfolgt während der Arbeitszeit.

Wie viele Ausbildungsplätze haben Sie?
Brauckmann: Wir bei Kustermann haben insgesamt 15 bis 20 Auszubildende in verschiedenen Lehrjahren. Und: Wir übernehmen die Azubis. Das ist das, was wir unter unserer Zukunft verstehen. Ich sagte ja schon, dass Familienunternehmen von Familie kommt. Ein Azubi fängt bei uns an, indem er in die Familie der Kustermänner und -frauen eintritt. Erfahrungsgemäß bleibt er sehr lange in dieser Familie. Betten Rid und Kaut-Bullinger haben vier und sechs Azubis im ersten Lehrjahr. Interessierte können sich noch bewerben für den Start des Ausbildungsjahres im Herbst.

Interview: Bettina Stuhlweißenburg

Bewertung: 4.72 / 5.00
bei Trusted Shops

Sofortversand
Montag bis Freitag bis 17:00

mehr als 100.000 Artikel
im Sortiment