Ausbildungskooperationen - Ausbildung aufgewertet

IHK Wirtschaft, März 2015

  • 19.03.15
  • München
Mehrwert für Nachswuchs und Unternehmen: Caspar Friedrich Brauckmann, Geschäftsführer der F.S. Kustermann GmbH, Cornelia Schambeck, Gesellschafterin von Kaut-Bullinger, Robert Waloßek, Geschäftsführer der Bettenrid GmbH

Mit ihrem „Azubi College“ gehen die drei Münchner Traditionshäuser Bettenrid, Kaut-‎Bullinger und Kustermann gemeinsam neue Wege bei der Ausbildung.

Ihre ersten beiden Ausbildungswochen bei Bettenrid hatte sich Pauline Freytag anders vorgestellt. Im September letzten Jahres begann sie ihre Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel – allerdings nicht in einem der beiden Münchner Bettenrid-Geschäfte, sondern in einem Besprechungsraum bei Kustermann. Dort fanden die ersten zehn Tage des „Azubi College“ statt, eines Pilotprojekts zur überbetrieblichen Zusatzausbildung, das die drei Münchner Traditionshändler Bettenrid, Kaut-Bullinger und Kustermann in Kooperation mit der Rid Stiftung aufgesetzt haben.

„Das war der bestmögliche Einstieg in die Ausbildung“, schwärmt Freytag. „Wir wurden in diesen zwei Wochen von einem externen Trainer auf alle Situationen vorbereitet, die uns im Verkauf begegnen können. Danach haben wir uns auf der Verkaufsfläche deutlich sicherer gefühlt.“ Auch ihr Kollege Savas Leyla findet das Azubi College klasse: „Als ich im Bewerbungsgespräch davon erfuhr, hatte ich sehr große Erwartungen. Und die sind alle erfüllt worden.“ Im Einstiegsmodul gefielen Leyla vor allem die Themen Bedarfsermittlung und Teamarbeit, aber auch die Gelegenheit, sich von Anfang an mit den anderen Azubis auszutauschen.

Am Pilotprojekt Azubi College nehmen insgesamt 18 Auszubildende zum Einzelhandelskaufmann teil. Alle begannen ihre Ausbildung im vergangenen September, fünf bei Bettenrid, drei bei Kaut-Bullinger und zehn bei Kustermann. „Wir spüren seit einigen Jahren deutlich, dass es immer schwieriger wird, Auszubildende zu gewinnen“, sagt Cornelia Schambeck, Gesellschafterin von Kaut-Bullinger. Dies führt sie nicht nur auf den demographischen Wandel, sondern auch auf die zunehmende Akademisierung und den Anspruch der Eltern, dass ihre Kinder studieren sollen, zurück. „Mit dem Azubi College wollen wir den Beruf des Verkäufers aufwerten“, so Cornelia Schambeck weiter. „Denn als Familienbetriebe werden wir im stationären Einzelhandel langfristig nur mit gut ausgebildeten Mitarbeitern, die Freude am Verkaufen haben, erfolgreich sein.“ Robert Waloßek, Geschäftsführer der Bettenrid GmbH, betont, dass die Ausbildung zur Kauffrau und zum Kaufmann im Einzelhandel dadurch deutlich aufgewertet und spannender gestaltet werde. „Das bringt Mehrwert für den Nachwuchs, aber auch für unsere Unternehmen.“

Das Konzept und die Inhalte des Azubi College entwickelten die drei Handelsunternehmen gemeinsam - mit Unterstützung von Experten der Rid Stiftung. Für das Pilotprojekt sind insgesamt 34 Schulungstage, verteilt auf mehrere Module, vorgesehen. Mit der Durchführung der Schulungen wurde die Top Concept GmbH aus dem oberbayerischen Seefeld beauftragt, die sich auf Corporate Development und Business Training spezialisiert hat. Im Fokus stehen Themen der Persönlichkeits- und Teamentwicklung, die von professionellen Verkaufstrainern vermittelt werden. Auch Coachings auf den Verkaufsflächen der drei Einzelhändler sind geplant.

Wie sehr sich die Freude am Verkaufen durch eine gute Vorbereitung herauslocken und steigern lässt, stellte sich bereits nach dem ersten zehntägigen Schulungsblock heraus. „Nach den beiden Einführungswochen gingen die Azubis hoch motiviert und ohne Ängste in die Verkaufsabteilungen“, erinnert sich Robert Waloßek. Die Entscheidung, die erste überbetriebliche Schulung ganz an den Anfang der Ausbildungszeit zu setzen, um den Rollenwechsel vom Schüler zum Azubi zu erleichtern, war offenbar richtig. Dies zeigte sich auch bei der Präsentation der Arbeitsergebnisse des ersten Moduls vor den Mitgliedern der Geschäftsleitung der drei Kooperationspartner. Dabei spielten die Azubis sowohl positive als auch negative Situationen im Verkauf nach. „Es war phänomenal, wie gut sich die jungen Leute dabei präsentiert haben“, erinnert sich Caspar-Friedrich Brauckmann, Geschäftsführer von Kustermann. „Von Auszubildenden im ersten Lehrjahr waren wir dieses Maß an Selbstsicherheit und Souveränität bisher nicht gewohnt.“

Das erste Fazit der drei Handelsunternehmen in Sachen Azubi College fällt daher äußerst positiv aus: „Die bisherigen Ergebnisse haben all unsere Erwartungen deutlich übertroffen“, fasst Brauckmann zusammen. Eine Ausweitung des Projekts auf die höheren Ausbildungsjahrgänge, aber auch auf die Führungskräfte in den einzelnen Handelshäusern sei daher nicht ausgeschlossen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt des Pilotprojekts ist der dadurch entstandene Austausch, der längst nicht nur auf Geschäftsführungs- und Azubi-Ebene stattfindet: Auch die Ausbilder der drei Häuser arbeiten mittlerweile zusammen und haben unter anderem einen gemeinsamen Azubi-Beurteilungsbogen entwickelt. „Der Blick über den Zaun und der damit verbundene Know-how-Austausch nutzt allen Beteiligten“, fasst Robert Waloßek zusammen. Dies nicht zuletzt, weil es nicht zu unterschätzende Gemeinsamkeiten gibt: Die drei Kooperationspartner sind Münchner Familienbetriebe in vergleichbarer Größe, die ähnliche Kundengruppen ansprechen. Dass darüber hinaus auch die Chemie zwischen den Entscheidern dieser Unternehmen stimmt, wird im Gespräch deutlich. „Im Alleingang hätten wir das Azubi College wohl allein schon aus Kostengründen nicht auf die Beine gestellt“, betont Cornelia Schambeck. „Und auch die Entwicklung des Konzepts war aufwändig.“ Die Kooperationspartner schätzen daher auch die inhaltliche und finanzielle Unterstützung der Rid Stiftung über alle Maßen: Zwei Drittel der Kosten des Pilotprojekts werden von der Rid Stiftung getragen, die mit diesem Engagement den Stiftungszweck wieder einmal unterstreicht.

Beim jüngsten Ausbildungsjahrgang haben die drei Handelsunternehmen noch nicht offensiv mit dem Azubi College geworben. Das soll sich jedoch in diesem Jahr ändern. „Eine Zielsetzung dieses Angebots ist es natürlich, dass wir dadurch überdurchschnittlich gute Auszubildende gewinnen können“, sagt Brauckmann. Die Chancen dafür stehen gut, sind doch die jungen Azubis die besten Botschafter für ihre Ausbildung bei den Münchner Traditionsunternehmen, die ihre Begeisterung auch nach außen tragen, wie Pauline Freytag erzählt: „In der Berufsschule haben wir so vom Azubi College geschwärmt, dass wir schon von Azubis anderer Unternehmen gefragt wurden, ob sie nicht auch daran teilnehmen können.“

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